„Mutirão“ heißt auf Deutsch: „Gemeinsam schaffen wir es“

Drei Wochen Arbeitseinsatz der deutschen und brasilianischen Jugendlichen haben das Gesicht des Gonzalinho- Kinderprojekts in Cáceres verändertvon Katja Polnik und Jonathan Krüger

„Wer von euch hat schon einmal Manjok geerntet?“, auf diese Frage hebt die Hälfte der Kinder des Gonzalinho-Projekts die Hand, denn die meisten kommen aus Familien mit kleinbäuerlichen Wurzeln, und viele haben um ihr Haus herum ein paar Nutzpflanzen. „Und was haltet ihr davon, wenn ihr hier im Projekt euren eigenen Manjok ernten, schälen, kochen und essen könnt?“. Jetzt gehen begeistert alle Hände hoch. Cezar, ein Student der Agrarwissenschaftlichen Fakultät, der 2007 am Austausch in Metzingen teilgenommen hat, sitzt mit den Kindern im Projekt zusammen und präsentiert ihnen die Idee, mit einer ganzen Mannschaft seiner Fakultät hier her zu kommen um mit den Kindern zusammen einen Gemeinschaftsgarten anzulegen. Die Vorstellung, selber verantwortlich für die Pflanzen sein zu dürfen, das Gefühl, dass ihnen etwas zugetraut wird und auch die Perspektive, dass man das Ergebnis essen kann, fasziniert die Kinder. Bereitwillig ziehen sie mit Mülltüten über das Gelände, das der Garten werden soll, und sammeln alle Abfälle auf, die verstreut herumliegen. Auch das ist eines der Erziehungsziele des Projekts: Sich dessen bewusst zu werden, dass man sich um die Dinge und Raeume kümmern muss, die allen gemeinsam gehören. Dass sie nicht von selber sauber werden und erhalten bleiben und dass es Arbeit bedeutet, sie zu verschönern. Aber auch zu merken, dass diese Arbeit sich gar nicht so schlecht anfühlt, wenn man sie in „mutirão erledigt, also als Gemeinschaftsaufgabe.
Ebenso in „mutirão“ haben die deutschen Jugendlichen zusammen mit ihren brasilianischen Partnern und den Kindern des Gonzalinhoprojekts sich an die anstehenden Arbeiten gemacht: Sie haben (mit alten Schubkarren, siehe Bild!) viel Erde bewegt, um das Anlegen des Gartens vorzubereiten, sie haben Reifenschaukeln an den vier Bäumen des Grundstücks aufgehängt,  beim Bau der Mauer geholfen, die das Grundstück vor unliebsamen (zwei- und vierbeinigen) Besuchern schützt, ein schönes Schild über dem Eingang aufgehängt, das auch die Kirchengemeinde St. Bonifatius und das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium als Projektpartner nennt, eine schöne Fotowand mit allen Kindern gestaltet, einen „Versammlungs-Baum“ gepflanzt, der so groß wird, dass man in seinem Schatten mit vielen Leuten sitzen kann, und schließlich mit den Kindern zusammen die ersten Beete für den Gemeinschaftsgarten umgegraben und Karotten und Tomaten gepflanzt. Kurz vor Beginn der Regenzeit werden dann noch Limetten-, Orangen- und Cashew-Bäumchen folgen. Die Bilder lassen etwas von dem Stolz und Spaß erahnen, den die Gonzalinho-Kinder in „ihrem“ Garten empfinden. Sie reißen sich sogar um die Aufgabe, am Wochenende zum Projekt zu gehen und die Beete des Gemeinschaftsgartens zu bewässern. Vorläufig haben die Nachbarn den Kindern erlaubt, dafür Wasser aus ihrem Brunnen zu holen, aber unser nächstes Ziel ist der Bau eines eigenen Brunnens, natürlich mit Elektropumpe, damit kein Kind in den Brunnen fällt. Wenn viele Bewohner der Stadtviertels helfen, kostet das Material für den Bau nicht mehr als 300 Euro.
Nun könnte man denken, dass zumindest die deutschen Jugendlichen über die Tatsache stöhnen, dass hier schwere Arbeiten, die man bei uns mit großen Maschinen erledigt hätte, von ihnen mit altem Hand-Werkzeug gemacht werden müssen. Aber die Gruppe hat sich den Herausforderungen tapfer gestellt und ihr Fazit war, dass man auf diese Weise wirklich mitbekommt, wie es den Menschen hier geht und wie ihr Alltag aussieht. Würden wir im Kinderprojekt, im ärmsten Stadtviertel von Cáceres, mit einem teuren Bagger ankommen oder für eine 10 km- Fahrt einen Bus mieten statt trotz der Hitze mit dem Fahrrad zu fahren wie unsere Partner auch, dann wäre das unglaubwürdig. Es würde so wirken, als hätten wir alles Geld der Welt zur Verfügung um uns den Widrigkeiten nicht aussetzen zu müssen, mit denen unsere brasilianischen Partner tagtäglich zu tun haben. Und es hat zur Folge, dass unsere Jugendlichen von den Brasilianern immer wieder attestiert bekommen, dass sie ungeheuer viel Engagement, gute Laune, Interesse und Durchhaltevermögen ausstrahlen.
Wir freuen uns auch sehr ueber die neuen Entwicklungen im Gonzalinhoprojekt: Erstens, dass zwei Jugendliche mit Behindertenstatus begonnen haben als Freiwillige im Projekt mitzuarbeiten; Deisiane und Marcilio, die beide 2009 in Metzingen in unseren Gastfamilien gewohnt haben, gehören jetzt zu der Gruppe der brasilianischen Jugendlichen, die die Kindern betreut. Zweitens, dass es sich bei den Familien und den anderen Bewohnern des Stadtviertels jetzt herumspricht, dass aus dem Kinderprojekt allmählich ein Stadtteilzentrum werden soll. Die Teilhabe der Eltern und Nachbarn am Projekt soll zunehmend wachsen, das ist ein weiterer Vorteil des Gemeinschaftsgartens: Er lädt zur Mitarbeit ein, braucht auch am Wochenende freiwillige Helfer, bietet immer wieder Anlässe für „mutirão-Arbeit“ wie das Ausheben des Brunnens und ist somit ein guter Anlass, die Bevölkerung des Viertels in das Projekt miteinzubeziehen.
Der Kauf des neuen Grundstücks und das Projekt des Gemeinschaftsgartens wurde uns ermöglicht durch großzügige Spenden der Paul Lechler Stiftung, der Stiftung „children for a better world“ und der Reinhold Beitlich Stiftung. Dafür bedanken wir uns ganz herzlich.

Das Spendenkonto des Gonzalinho-Projekts ist:
Sonderkonto St. Bonifatius/ Brasilienprojekt Nr. 949 099
KSK Reutlingen, BLZ 640 500 00


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