Kontrastprogramm São Paulo

In der Kluft zwischen Arm und Reich. In der letzten Woche des deutsch-brasilianischen Jugendaustauschs erlebte die deutsche Gruppe, was es wirklich heißt, in einer Mega-Metropole zu leben – mit all ihren negativen und positiven Seiten.

Hochhäuser bis zum Horizont, zahlreiche Helikopter in der Luft, dichter Smog, der die Stadt einhüllt. Mitten in der 20 Mio-Metropole angekommen ist die Austauschgruppe des Dietrich Bonhoeffer Gymnasiums. Nach einem kurzen Rundumblick auf die fünftgrößte Stadt der Welt stürzten wir uns in den Großstadtdschungel. Ein Besuch im Stadtmuseum durfte ebenso wenig fehlen wie die Besichtigung der Kathedrale. Bei einem Stadtbummel bekamen wir einen ersten Eindruck von der multikulturell geprägten Stadt und ihren Bewohnern. Erschütternd zu sehen, welche Ausmaße die Kluft zwischen Arm und Reich annehmen kann. Fahrende Händler, die mit ihrem Hab und Gut auf Handkarren durch die Straßen ziehen, konkurrieren hier mit im Designeranzug steckenden Businessmen.

Übernachtet haben wir in einem durch einen christlichen Orden aufgebauten und finanzierten Migrantenheim, das in der Vergangenheit als Kloster fungierte. Die Mahlzeiten nahmen wir zusammen mit den Bewohnern ein und beteiligten uns an den Gemeinschaftsarbeiten. So kam man mit den Migranten ins Gespräch und erfuhr dabei einiges über ihre Lebensgeschichten. Diese variierten zwischen politisch Verfolgten, Flüchtlingen aus Krisengebieten und ehemaligen Häftlingen. Im Gespräch mit der Leiterin der Institution erfuhren wir, dass in den letzten Jahren immer mehr Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern und aus den Kriegsgebieten in Afghanistan, Irak etc. in Brasilien ankommen und zwar „seit Europa die Grenzen dichtgemacht hat“ (Zitat der Leiterin). Das hat uns durchausbeeindruckt, zu hören, wie europäische Flüchtlingspolitik die Verhältnisse in einem so weit entfernten Land wie Brasilien beeinflusst. Aber auch die Einzelschicksale, die wir direkt von den Bewohnern des Hauses erzählt bekamen, waren bewegend: Ein italienischer Geschäftsmann, der nach einem missglückten Geschäft mit brasilianischen Partnern bankrott ist und nun im Migrantenheim in Sao Paulo auf den Ausgang des Gerichtsprozesses wartet, ein politisch verfolgter Nigerianer, der in Brasilien politisches Asyl erhielt und jetzt eine Arbeitserlaubnis beantragt, ein angolanisches Ehepaar, das für eine komplizierte medizinische Behandlung nach Brasilien kam: Die Menschen im Migrantenheim befinden sich in den Übergangsphasen des Lebens und bis zur Klärung ihrer Verhältnisse finden sie dort eine vorübergehende Unterkunft.

Ein ganz besondere Geschichte hatte Sergio zu erzählen: Seit seinem achtem Lebensjahr war er ein Straßenkind, wurde dann mit 16 Jahren Fluchtwagenfahrer einer Drogenbande, bis er mit 18 Jahren bei einem missglückten Deal erwischt und für die nächsten 24 Jahre inhaftiert wurde. Nun will er einen Neuanfang wagen. Hätte er die anderen Mitglieder der Bande bei seiner Verhaftung verraten, hätte er nur 8 Jahre gekriegt, hätte aber nicht mal diese acht Jahre im Gefängnis überlebt. Seine Verbindung zur Drogengang beschreibt er mit einem eindrücklichen Bild: „Wenn du den Tiger reitest, kannst du nicht mittendrin abspringen. Aber jetzt ist der Tiger satt und schläft und ich habe nicht vor wieder aufzusteigen.“

Am zweiten Tag in Sao Paulo besuchten wir Hans Temp, der durch seine Metzinger Vorfahren (Ein Teil der Familie lebt noch in Neuhausen) immer noch eine starke Verbindung zu Deutschland pflegt. Der Gründer des Projekts „Städte ohne Hunger“ unterhält 21 Gemeinschaftsgärten in den Favelas von São Paulo, die er zusammen mit den Bewohnern bewirtschaftet. Bei einem Rundgang über zwei der Gärten konnten wir uns ein Bild seiner Arbeit machen, die daraus besteht, Menschen von der Straße zu holen und ihnen durch ihre Mitarbeit im Projekt ein sicheres Einkommen und eine agrartechnische Ausbildung zu gewährleisten. Die biologischen Produkte seiner Arbeit werden auf den umliegenden Märkten verkauft, somit können sich die Mitarbeiter ihren Lebensunterhalt sichern.

Am vorletzten Tag lernten wir noch eine andere Alternative zum Elend der Favelas (die brasilianischen Slums) kennen: Eine Art Landkommune am Stadtrand, die entstanden ist durch die Besetzung einer Fläche, auf der zuerst eine Eukalyptusplantage war, die eine katastrophale Umweltbilanz hatte und deren Ertrag ausschließlich dem Export diente und auf der danach – auf einem Hügel direkt neben drei Vororten – eine Mülldeponie geplant war, so dass die Bewohner der drei Orte die Landlosenbewegung um eine Besetzung des Hügels gebeten hatten. Nun bewirtschaften die vorläufigen Bewohner seit 2002 das Stück Land, während sie auf die Enteignung des Grundstücks warten, die nach der Verfassung von 1988 eigentlich erfolgreich verlaufen müsste, denn dort ist garantiert, dass Land, dessen Nutzung nicht dem Wohl der Allgemeinheit dient, enteignet werden und der Agrarreform zur Verfügung stehen muss.

Nach einem erlebnisreichen Monat und um viele neue Eindrücke und Erfahrungen reicher ließen wir bei einem gemeinsamen Essen im ehemalig deutsch-geführten Restaurant „Apfel“ im Zentrum von Sao Paulo die Reise Revue passieren.


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