Wir erleben die Realitaet von Brasiliens Kleinbauern hautnah

Araputanga – Es ist heiss. Am Himmel ist weit und breit keine Wolke zu sehen. Dabei ist es doch erst neun Uhr. Spaetestens jetzt verstehen wir, warum die Bauern in Brasilien Fruehaufsteher sind: später ist es schlichtweg zu heiss für die ohnehin schon schweisstreibende Arbeit auf dem Feld. Zwischen uns bekannten Pflanzen wie Tomaten, Salat und Karotten entdecken wir auch solche, die uns bisher fremd waren: Maniok, Gilo, Jaca, Papaya, komisch geformte Kürbisse und viele andere.

Nach einiger Zeit sind die Körbe mit Gemüse und Früchten gefüllt. Heute sind diese für die Schulen in den umliegenden Gemeinden bestimmt. Die Regierung kauft dabei Kleinbauern ihre biologisch angebauten Erzeugnisse ab, um ein ausgewogenes und gesundes Schulessen zu gewährleisten. Hierbei handelt es sich um eines der wenigen Programme der Brasilianischen Regierung, die den Bedürftnissen der Kleinbauern in Brasilien Rechnung tragen (PEA: Programacão para Educacão e Alimentacão). Insgesamt ist die Agrarpolitik Brasiliens völlig auf die in riesigen Monokulturen produzierten Exportgüter wie z.B. Soja und Zuckerrohr ausgerichtet.

Dass diese Gemüse und Früchte hier auf der vor 8 Jahren legalisierten Landbesetzung “Florestan Fernandes” angebaut werden können, ist keine Selbstverständlichkeit: Etwa 80% des bebaubaren Agrarlandes Brasiliens sind in Besitz von 10% der Bevölkerung, oft als brachliegendes Spekulationsland. Auf diese Tatsache hat die Brasilianische Regierung bereits vor Jahrzehnten mit einem Gesetz reagiert, welches besagt, dass unproduktives Land gegen Entschädigung von Staat enteignet und umverteilt werden kann, um mehr soziale Gerechtigkeit zu erreichen. Dies ist im Sinne vieler Kleinbauern und Besitzloser.

Die MST (Movimento dos trabalhadores rurais sem terra = Bewegung der Landarbeiter ohne Land) hat sich der Umsetzung dieses Gesetzes in die Realität verschrieben, so wie dies auch bei der Landbesetzung “Florestan Fernandes”, die die Schüler besuchten, der Fall war. Im Jahr 2000 wurde die Besetzung (Acampamento) nach drei Jahren legalisiert und das Land den Kleinbauern zur Nutzung freigegeben. Solche Ansiedlungen werden dann Assentamentos genannt. 156 Familien leben heute dort, arbeiten alleine oder in Kollektiven bzw. Kooperativen zusammen. Auch wenn es manchmal Schwierigkeiten birgt, bringt gerade die Kooperation mehrerer Familien viele Vorteile: So können sie sich Dinge leisten, für die ein Einzelkaempfer länger arbeiten muss, wie z.B. einen Traktor oder Kanalisation. Gleichzeitig erhöht sich die Effizienz, wenn alle zusammenarbeiten und sich die verschiedenen Aufgabenfelder geeignet aufteilen koennen. Dieses Prinzip ist ganz im Sinne der MST, denn schon bei den Landbesetzungen wird Zusammenarbeit großgeschrieben: trotz der ständigen Bedrohung der Räumung durch Brasiliens Militärpolizei bauen sich die Familien eine gemeinsame Infrastruktur auf. So gibt es z.B. auf dem Acampamento “Silvio Roriguez”, welches die Schueler ebenfalls besuchten, eine eigene kleine Schule, eine Apotheke und Gemeinschaftsräume sowie gemeinsame Brunnen. Das Acampamento wartet aber auch schon 6 Jahre auf seine Legalisierung.

Insgesamt lebten wir vier Tage auf dem Assentamento Florestan Fernandes und erlebten neben dem Arbeiten auf dem Feld noch vieles anderes und machten die Erfahrung umwerfender Gastfreundschaft: Obwohl die Menschen in der Agrarkooperative selbst sehr wenig besitzen, wurden wir mit offenen Armen herzlich aufgenommen: “Wir haben kein Klo und kein Bad, aber die Leute sind so lieb, da macht das gar nichts”. Einige von uns halfen beim Kühe melken oder lernten, den traditionellen Bohnentopf (“feijao”) zu kochen, den es hier mit Reis täglich zum Mittag- und zum Abendessen gibt. Zu unserem Abschiedsfest wurde ein grosses Grillfest geplant, zu dem extra eine Kuh geschlachtet wurde! So endete unser Aufenthalt mit einem leckeren Essen, Caipirinha, Musik, Tanzen und geselligem Beisammensein, bei dem sich noch einmal viele Gelegenheiten zur Unterhaltung mit unseren brasilianischen Gastgebern ergaben. Wir haben uns hier so wohl gefühlt, dass wir fast gar nicht mehr weg wollten.


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