Aufenthalt in Cáceres

Viereinhalb ereignisreiche  Wochen in Cáceres liegen nun hinter uns. Neben einer Woche auf zwei verschiedenen Landbesetzungen, wo wir die Arbeit der MST kennengelernt haben, und zwei aufregenden Tagen auf einem Hausboot im tropischen Pantanal verbrachten wir den hauptteil unseres Aufenthalts in Cáceres, einer 100.000-Einwohner-Stadt im Staat Mato Grosso, wo wir unglaublich offene und gastfreundliche Leute kennenlernen durften.

Neben der Arbeit im Gonzalinho-Projekt und dem Besuch im Menschenrechtszentrum (Centro de Direitos Humanos Dom Máximo Biennés) informierten wir uns zusätzlich über andere soziale Projekte, wie z.B. die Natalinho-Schule, in der es gemischte Klassen mit behinderten und normal lernfähigen Schülern gibt; unterhielten uns mit Padre Salemao, der mit seinem Projekt für die Rechte und Anerkennung indigener Völker kämpft oder besuchten die nationale Bewegung für Straßenkinder (Movimento National de Meninos e Meninas da Rua).Dabei erfuhren wir einige wesentliche Dinge über Cáceres, die Geschichte der Stadt und die Probleme der Einwohner.

In der 230 Jahre alten Stadt leben mittlerweile 100.000 Menschen. Damit ist Cáceres die viertgrößte Stadt im Staat Mato Grosso, liegt allerdings, was die Lebensqualität (IDH) angeht, nur auf Platz 58. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Bewohner beträgt nur 63,4 Jahre-Der Durchschnitt von ganz Brasilien ist dagegen deutlich höher, nämlich 71 Jahre. Sicher hängt dies damit zusammen, dass es in Cáceres nur ein einziges Krankenhaus für ungefähr 300.000 Menschen aus Stadt und Umgebung gibt; die medizinische Versorgung ist dementsprechend schlecht: die Kindersterblichkeit liegt bei 25,6 Todesfällen pro 1000 Kinder. Außerdem kommt es durch große Drogenprobleme (Cáceres liegt nahe an der bolivischen Grenze und ist stark von Drogenschmuggel und -konsum betroffen) immer wieder zu Drogentoten oder Ermordeten.

Cáceres ist im Prinzip keine arme Stadt; hier gibt es die zweitgrößte Fleischproduktion von Mato Grosso. Allerdings ist der Reichtum, wie so oft in Brasilien, ungerecht verteilt, sodass es überwiegend arme und sozial schwache Familien gibt: 60 % der Stadtbevölkerung leben auf 3,03 % des Stadtgebiets, welches insgesamt 25 km² beträgt.

Die Bevölkerung ist folgendermaßen aufgeteilt: 44,5 % der Menschen haben indigene Wurzeln oder stammen von den Sklaven aus Afrika ab, 43 % sind Interkulturelle und 12, 5 % sind Weiße, die zum größten Teil portugiesischer oder spanischer Herkunft sind. 31,2 %, d.h. fast ein Drittel der Menschen in Cáceres leben unter der Armutsgrenze; 23,6 % gehören zur Mittelklasse und nur 6,3 % machen die Oberschicht aus.
Die Analphabetenrate liegt bei 9,4 %, was damit zusammenhängt, dass es viel zu wenig Schulen gibt und viele Kinder nur eine „Basisausbildung“ erlangen. Diese Basiserziehung ist nicht besonders gut; wer es sich leisten kann, geht auf eine private Schule, die im Vergleich zu den öffentlichen Schulen eine sehr gute Bildung anbietet. Somit ist die bessere Schulbildung mehr oder weniger für die reiche Oberschicht reserviert und soziale Ungleichheiten, die durch einen Mangel an Bildung entstehen, können kaum beseitigt werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Stadt Cáceres die Verhältnisse in Brasilien wiedergibt: Im Prinzip sind Reichtum und Fortschritt vorhanden, jedoch liegen sie fest in den Händen der Oberschicht, die nur einen ganz kleinen Teil der Bevölkerung Brasiliens ausmacht. Der Großteil der Einwohner besitzt nur wenig und hat kaum Zugang zum vorhandenen Reichtum; dies ist der Grund für die zahlreichen sozialen Probleme Brasiliens.


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